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Los geht's

TXOKOA - Eine Fortsetzungsgeschichte von Uli Hannemann

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Vor vielen Jahren. Wie täglich zur Mittagszeit, erbebte die Calle Tenedor in Bilbao unter unglaublichem Geschrei. In Haus Nummer vier barsten die Fensterscheiben und inmitten der Scherben strömten die besorgten Nachbarn herbei, die einen Überfall einer tausendköpfigen mit Mammuts berittenen Berserkerbande befürchteten.

Doch der Grund war immer derselbe: Der kleine Ager Urigüen wollte mal wieder nicht essen. Die Mutter war verzweifelt. 

Sie versuchte es mit gutem Zureden, baskischen Liedern und Märchen – umsonst. Eines Tages aber stellte sie fest, dass der Kleine nicht mehr brüllte, wenn sie die Speisen variierte und abwechselnd in kleinen Portionen servierte. Hier ein wenig Milchbrei, da eine halbe zerquetschte Banane, dort eine weichgekochte Möhre. Das Prinzip schien dem Kind zunächst zu gefallen. Interessiert kostete es mal hier und mal da, verzog schließlich angewidert den Mund und machte sich am Ende selbst ans Werk:


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Es mischte geringe Mengen von Möhre und Banane mit beiden Händen und patschte anschließend so lange mit dem Löffelchen darauf herum, bis die ursprüngliche Konsistenz des Breis komplett verändert war: Entstanden war ein kunstvoller „Möhren-Bananen-Schaum an roten und grünen Gummibärchen“, die der damals vierjährige Ager zur Dekoration aus seiner Hosentasche zauberte. Erstmals war er mit dem Ergebnis zufrieden, erstmals aß er alles auf.

Von nun an gab es kein Halten mehr. Während die Freunde Frösche sezierten oder Fußball spielten, experimentierte Ager mit immer neuen Kombinationen.

Er zentrifugierte den Milchbrei in der Waschmaschine und raspelte die Möhren mit Vaters Rasierer in mikroskopisch kleine Stücke, bis sie Bananenaroma aufwiesen – improvisierte Molekularküche.



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Mit der Zeit änderten sich die Grundstoffe: Aus Bananen, Möhren und Brei wurden Muscheln, Fenchel oder Wildschweinschinken - alles Zutaten, die im nahen Wald zu finden waren (in den sich auch die Muscheln verirrt hatten, die zu jener Zeit noch laufen konnten, doch das ist eine ganz andere Geschichte).Da stand der zukünftige Beruf des kleinen Künstlers natürlich längst fest: [strike]Feuerwehrmann[/strike] Koch.

Weit weg von Bilbao lebte im chilenischen Valle Central ein kleiner Junge mit einer außerordentlichen Begabung.

Als einziger Mensch der Welt konnte Giovanni Miranda Gonzalez mit den Flüssigkeiten sprechen. Dazu musste er
sie nur in den Mund nehmen und weich um seine sensible Zunge spülen lassen. „Na, wie schmecke ich?“, fragte zum Beispiel das neugierige Wasser. „Nach einer feinen Note von Nichts, die dezent ins Neutrale spielt und dabei über eine halbdeutige Nuance von Bergkiesel verfügt. Sehr trinkig“, antwortete Gio. So perfekt beherrschte er bereits die Sprache der Getränke. „Und, wie schmecke ich?“, wollte eines Tages auch das eitle Motoröl wissen.




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Der gerechte Giovanni behandelte alle Getränke konsequent gleich, egal, ob sie dufteten oder stanken, hübsch anzusehen waren oder hässlich: „Moment ... ja … hm … ein ziemlich strenger, aber für den Kenner vielleicht nicht uninteressanter Hauch von …

Auch im Krankenhaus gab es jede Menge spannender Flüssigkeiten, denen Gio aber schon am nächsten Tag auf Wiedersehen sagen konnte, denn zum Glück hatte er nur wenige Tropfen des Öls probiert. Trotzdem wandte er sich von nun an lieber dem Wein zu und schenkte ihm all die Zuneigung, die ihn mit dem Nass verband.

Schon mit zwölf Jahren wollte er nur noch [strike]Zoodirektor[/strike] Sommelier werden. Der Vater tobte, die Mutter weinte, der Onkel lachte, die Tante hatte gar nicht richtig hingehört. Doch eines Tages würden sie alle noch verstehen und sehr, sehr stolz sein …



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Ein paar Monate oder auch Jahre später.
Giovanni war mittlerweile auf einem Katamaran, den er selbst aus Weinkisten gezimmert hatte, nach Europa gesegelt. Im verwunschenen Weintal von Womar wollte er den alten Weinmeister Wobbelich aufsuchen, um sich von ihm in der Weinkunde unterweisen zu lassen. Desweiteren verfügte der Zauberer über den Wein des Lebens, den Wein der Weisen und auch den Weißwein. Der erste machte unsterblich, der zweite irrsinnig schlau und der dritte schmeckte verdammt gut. Kein Wunder also, dass Gio alle drei natürlich gerne mal verkosten wollte.

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Allerdings war das Weintal auf keiner Karte eingezeichnet. Das war richtig doof, denn mit anderen abgefahrenen Orten hatten sich die Kartographen große Mühe gegeben. Ob Mordor, Atlantis, Avalon oder Arkadien: Dort waren jede Ampel, jeder Behindertenlift oder auch die aktuellen Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts (z.B. Mordor: „Niemanden ungefragt ansprechen! Keine auffälligen Ringe tragen!“) haarklein dokumentiert. Das Weintal dagegen: komplette Fehlanzeige. Weder Google Maps noch der Michelin-Weinführer schienen es zu kennen. „Das Weintal von Womar gibt es nicht“, titelte gar die Lügenpresse in metergroßen Buchstaben. Darunter ein Foto von keinem Weintal mit der etwas redundanten Bildunterschrift: „Weintal: Vollkommener Quatsch“. Daher begab sich Giovanni nach seiner Ankunft an der Nordküste der iberischen Halbinsel zunächst mal aufs Geratewohl in den nächstgelegenen Wald. Irgendwo musste man mit der Suche schließlich anfangen.

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In der Zwischenzeit hatte Ager in seinem alten Kinderzimmer eine erste Garküche eingerichtet. Und jetzt schon eilte dem zukünftigen Starkoch ein Ruf wie Donnerhall voraus. Die Tiere kamen nicht nur freiwillig aus der ganzen Welt (Pottwal, Koalabär), um sich zubereiten zu lassen, nein sie standen sogar Schlange. Geduldig warteten sie an der Hintertür zur improvisierten Küche. Das Losverfahren musste darüber entscheiden, wer das große Glück hatte, als erstes gecastet zu werden. Solange unterhielten sich manche mit den Zufallsbekanntschaften vor und hinter ihnen, einige lasen auch Tierhefte oder starrten unter großen Kopfhörern stur geradeaus, um nicht von den anderen angequatscht zu werden. Immerhin waren sie alle Konkurrenten um die Ehre an einem genialen neuen Rezept (Pottwal mit Pellkartoffeln) mitzuwirken. Und nicht zuletzt hielten sich die meisten für was Besseres, was sie spätestens nach dem Kochen ja auch waren.

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Auch die Pflanzen rissen sich um Meriten an der modernen Gastronomie. Gerne aus dem Umland, manchmal aber auch von ganz weit her, war das Gemüse fast geschlossen angetreten und strahlte erwartungsvoll aus allen Augen und Poren, Blättern und Runzeln. Nur der Wildbabyspinat war nicht da. Nanu? Wo war bloß der Wildbabyspinat? Hatte er die Mail nicht gekriegt? Ohne den konnte man doch gar nicht anfangen. Ager beschloss, nachzusehen. Der Spinat war aufgehalten worden. Mit gepacktem grünen Reisetäschchen hatte er, sauber gewaschen und adrett geföhnt, im Wald von Bilbao auf den Gemüsetransporter gewartet, als ein Bär zur besagten Bedarfshaltestelle gerannt kam, und drohte, ihn aufzufressen. Zum Glück bog exakt in diesem Moment der besorgte junge Küchenchef um die Ecke.

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Es wurde ein heldenhafter Fight. Schließlich darf man nicht vergessen, dass Ager damals erst dreizehn war, oder so. Auf gar keinen Fall war er älter als dreißig. Der Bär hingegen trug ein Einzelkämpferabzeichen aus selbstgebrochenen Haifischzähnen an der Bomberjacke. Er war riesengroß, wahnsinnig hässlich und herzlich scheiße drauf. Quasi eine Mischung aus Alien, Hyäne und Wolfgang Schäuble. Nur ohne Rollstuhl und viel stärker …

(Fortsetzung folgt)


In der nächsten Folge: Wer wird den Kampf um den Wildbabyspinat gewinnen: Ager oder der Bär? Und müsste es nicht eigentlich „Babywildspinat“ heißen? Giovanni findet das verwunschene Weintal. Oder auch nicht. Es bleibt also spannend. Oder auch nicht.

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